Jurysitzungen sind Betrug
Stellungnahme der TKI open 12 - Jurymitglieder
Martin Krenn, Hans Oberlechner und Gerlinde Schmierer
Die Entscheidung der Tiroler Landesregierung, die beiden von der diesjährigen Jury des TKI open 12 ausgewählten Projekte ALPENLÄNDISCHE STUDIEN von Tal Adler sowie WAHLEN SIND BETRUG von Oliver Ressler nicht zu fördern, muss korrigiert werden.
Die Förderschiene TKI open ist mit 68.500,- Euro an Landesmitteln dotiert. Eine aus fünf unabhängigen ExpertInnen bestehende Jury, hatte die Aufgabe, aus 56 eingereichten Projekten eine Auswahl zu treffen, die im Rahmen dieses Förderbudgets realisiert werden sollte.
Wir halten es demokratiepolitisch für untragbar, dass eine Jurysitzung, die öffentlich vor Publikum abgehalten wurde, vom Land Tirol ohne Angabe von Gründen und ohne die Jury zu informieren, im Nachhinein zensuriert wird. Es ist zu vermuten, dass hier (partei-)politische Interessen im Hintergrund stehen, da die internationale Reputation der KünstlerInnen unbestreitbar ist.
Wir (die Jury) hatten alle Einreichungen vor der Sitzung durchgearbeitet und einen Tag lang öffentlich über jedes einzelne Projekt diskutiert. Unsere Entscheidungsfindung war somit für die EintreicherInnen nachvollziehbar. Diese Form einer Jurysitzung ist ein beispielhaftes Modell für transparente Kulturpolitik. Sollte es nun tatsächlich zu einer Zensur durch eine Landesregierung kommen, wäre das für die Zukunft der Kulturförderung in Österreich ein schwerer Rückschritt. Öffentliche Jurysitzungen würden zur reinen Farce verkommen.
Statement von Melanie Hollaus - Jurymitglied bei TKI open 12
23.01.2012
Sehr geehrte Frau Landesrätin Dr. Palfrader,
Als Jurorin der TKI open 12 möchte ich Stellung zu Ihrer Entscheidung beziehen, zwei der sieben ausgewählten Projekte nicht zu fördern:
Wenn die PolitikerInnen etwas für notwendig halten, dann finden sie auch Geld. Aber es hat sich in den letzten Jahren immer deutlicher herausgestellt, dass die PolitikerInnen Projekte der Freien Szene nicht für wichtig halten. Die Kulturarbeit der Freien Szene wird absolut unterbewertet - solche Projekte kosten Geld, wenngleich sie in der Regel finanziell unzureichend ausgestattet sind, bringen aber keines, wenn man es rein buchhalterisch betrachtet.
Bei der diesjährigen TKI open Ausschreibung sind 56 Projekte eingelangt. Das waren mehr als 500 Seiten, die wir JurorInnen zu bearbeiten hatten. Ich habe für die Auseinandersetzung mit den Einreichungen mehr als 50 Arbeitsstunden aufgewendet (von der Reisezeit Wien – Innsbruck und retour sehe ich hier ab) und dafür 300 Euro Aufwandsentschädigung bekommen. Vor diesem Hintergrund könnte man die Arbeit der Jury als eine ehrenamtliche bezeichnen.
Man muss keine große Mathematikerin sein, um erahnen zu können, dass die Aufwandsentschädigung der Jury einen Bruchteil dessen ausmacht, was die MitarbeiterInnen der Kulturabteilung für die Beurteilung der 56 Projektansuchen erhalten würden.
Unangenehm ist es dann aber, wenn die gewissenhafte Beschäftigung der Jury mit diesen 56 Projekten im Nachhinein von Ihnen in Frage gestellt wird.
So ist beispielsweise das Argument aufgetaucht, dass „Alpenländische Studien“ bereits vom Bund unterstützt wurde, was die Kulturabteilung wohl nicht wusste. Das war jedoch dem Finanzplan des Projektes zu entnehmen und wenn man sich die Mühe gemacht hat, auch im Internet zu lesen.
Ihr Argument, dass „Wahlen sind Betrug“ inhaltlich falsch sei, kann ich auch nicht nachvollziehen. Im Ansuchen ist theoretisch, und meiner Meinung nach völlig nachvollziehbar, begründet, wie es zu diesem Spruch gekommen ist. Dass das Projekt eine politische Aussage trifft und, wie man an Ihrer Reaktion ablesen kann, auch einen wunden Punkt trifft, ist meiner Meinung nach absolut zu unterstützen. Es gibt viel zu wenige Projekte, die ein gewisses Risiko eingehen.
Die Kultur muss ein Platz bleiben, wo es Risiken gibt, wo „gefährliche“ Dinge gesagt und verhandelt werden. Wenn dieses Ventil fehlt, dann müssen die Leute solche Energien woanders ausleben, was nicht heißen soll, dass ich Oliver Ressler unterstellen würde, dass er die nächste Sparkasse überfällt, wenn Sie sein Projekt nicht finanzieren. Aber man kann mit der Kulturarbeit Sehnsucht nach einem besseren Zustand der Welt wecken und à la longue kann man die Menschen auch davon überzeugen, dass ein Überfall auf eine Sparkasse keine Lösung für die Lebensprobleme ist. Davon bin ich überzeugt, sonst würde es für mich keinen Sinn machen, mich mit Kunst und Kultur zu beschäftigen.
Wenn ich keine Filme machen würde oder kein Theater, dann würde ich vielleicht auch Sparkassen überfallen.
Mit freundlichen Grüßen, Melanie Hollaus
TKI - 17.01.2012 15:40
