Stellungnahme von Priv.-Doz. Mag. Dr. Dirk Rupnow
Hinlänglich aufgearbeitet?
Bestimmte Aussagen will man gar nicht kommentieren. Schließlich hofft man, dass sie sich von selbst disqualifizieren. Sie kommen einem außerdem bis zum Überdruss bekannt vor. Und wann würde man jemals zum Arbeiten kommen, wenn man sich als HistorikerIn zu jeder in der Öffentlichkeit getätigten fragwürdigen Bemerkung zur Geschichte kritisch äußern wollte? Zensur ist freilich ein Skandal, zu dem man sich nicht nicht äußern kann. Aber Unkenntnis und/oder Dreistigkeit in Bezug auf Geschichte kann kaum noch überraschen. In Bezug auf Wissenschaft und ihr Funktionieren im Übrigen ebenso wenig. Wie soll man also nicht abstumpfen? Und doch hat man von Zeit zu Zeit den Eindruck, dass etwas formuliert werden muss, dass das scheinbar Offensichtliche noch einmal deutlich macht.
Um eine Richtigstellung kann es ja gar nicht gehen. Oder was wäre richtigzustellen an der Aussage einer Kulturpolitikerin, ein provokantes Kunstprojekt sei „inhaltlich falsch“? Man kann allerhöchstens versuchen, sich das Schicksal von Künstlern wie etwa Pablo Picasso im Land Tirol zu Beginn des 21. Jahrhunderts auszumalen: Förderung abgelehnt, weil „anatomisch falsch“. Zu Recht denken sich LeserInnen jetzt: Was für ein abgedroschener Witz! Deprimierenderweise reflektiert er nur das Kunstverständnis der hiesigen Kulturabteilung. Dann aber noch die Bemerkung, die NS-Vergangenheit in Tirol sei hinlänglich aufgearbeitet worden. Auch dieser Einwand gegen ein Kunstprojekt ist natürlich grundsätzlich unsinnig. Kunst wie auch Wissenschaft kennt kein Ende ihrer Bemühungen, sondern immer nur neue Zugänge, Fragen und Formen. Es bleibt freilich zu hoffen, dass das Land mit dem gleichen Argument ab sofort sämtliche Förderungen für Kunst- und Wissenschaftsprojekte, die sich in irgendeiner Art und Weise mit Andreas Hofer und Südtirol auseinandersetzen, einstellt.
Im Hinblick auf die NS-Vergangenheit scheint die Landesregierung die Position konsensuell zu tragen: Der Holocaust-Gedenktag am 27. Jänner, der im vergangenen Jahr erstmals in Innsbruck begangen wurde, scheint dieses Jahr gleich wieder eingespart zu werden. Dabei hatte Landeshauptmann Platter dort noch festgehalten: „Der Holocaust ist trotz aller Bemühungen der Aufarbeitung etwas Unbegreifliches geblieben und wird es wohl auch immer bleiben.“ Nun aber gilt der gleichen Landesregierung – auch Palfrader hatte dort warme Worte gespendet – die Geschichte plötzlich als „hinlänglich aufgearbeitet“ und somit sind natürlich auch keine weiteren Versuche, das Unbegreifliche zu verstehen, notwendig. So ist das mit politischen Sonntagsreden, nicht nur zur Geschichte. So ist das mit der leeren Betroffenheitsrhetorik zum Holocaust. Naturgemäß nicht nur in Tirol.
Wenn als Antwort auf die landestypische Mischung aus Skandal und Posse nun offizielle Stellungnahmen kommen sollten, man möge sich keine Sorgen machen, es handle sich nur um ein Missverständnis, die Geschichte (wir wissen natürlich, welche unsagbare damit gemeint ist) werde lückenlos aufgearbeitet werden, dann bleibt nur zu sagen, dass sich damit noch einmal das gleiche Unverständnis für Kunst und Wissenschaft sowie die Vergangenheit (und Gegenwart) von Antisemitismus und Rassismus, Vertreibung und Raub, Massenmord und nachträglichem Spurenverwischen, letztlich die gleiche falsche Hoffnung auf einen Abschluss artikuliert. Es gibt keine lückenlose oder hinlängliche oder abschließende Aufarbeitung und wird sie nie geben. Das ist keine moralische Forderung, sondern eine nüchterne Feststellung. Wir sind immer von Neuem aufgefordert, in Kunst und Wissenschaft ein Verstehen zu versuchen. Nicht nur dieser Geschichte.
Aber diese Geschichte hat nun einmal viel auch mit Tirol zu tun, im Land und in den Leben der Menschen ihre Spuren hinterlassen. Angesichts von vergessenen Friedhöfen auf Anstaltsgeländen oder fortgesetzten Gewaltpraktiken in der Heimerziehung zu erklären, dass die Aufgabe schon erledigt sei, hat noch nicht einmal etwas mit Unkenntnis von Geschichte zu tun, sondern grenzt an Realitätsverweigerung gegenüber der Gegenwart. Die Geschichten, die irgendwann nicht mehr vertuscht werden können und zu deren Bewältigung dann offizielle Gelder fließen und Kommissionen eingesetzt werden, sind doch nur die Spitze des Eisbergs. Sie dürfen nicht dazu führen, dass das vermeintlich Unverständliche bequem ein- und abgegrenzt und schließlich verdaubar gemacht wird. Sich der Alltäglichkeit und Omnipräsenz von Diskriminierung und Verbrechen und deren anhaltenden Folgen zu stellen, bleibt eine Herausforderung.
Der israelische Fotograf Tal Adler wollte mit seiner Arbeit „Alpenländische Studien“ die Ausblendungen und Widersprüche im österreichischen Gedächtnis sichtbar machen. Palfraders politische Zensurmaßnahme und der peinliche Versuch, diese zu rechtfertigen, macht ironischerweise nur noch einmal die Berechtigung des Projekts deutlich – und liefert ihm zugleich ein exemplarisches Beispiel. Die einzige gute Ausrede der Kulturlandesrätin könnte mithin sein, sie habe sich selbst einmal an einer Kunstperformance versuchen wollen.
Priv.-Doz. Mag. Dr. Dirk Rupnow, wissenschaftlicher Mitarbeiter und derzeit Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck
TKI - 26.01.2012 15:22
