
“For me this space of radical openness is a margin – a profound edge.
Locating oneself there is difficult yet necessary.
It is not a ‘safe’ place. One is always at risk.
One needs a community of resistance.”– bell hooks, Choosing the Margin as a Space of Radical Openness, 1989
Im hinteren Raum der Bäckerei sind die Stühle spiralförmig aufgestellt, in der Mitte ein Tisch, umgeben von vier Sesseln. „Wo sollen wir uns hinsetzen?“, fragt mich meine Begleitung. „Irgendwo am Rand“, antworte ich. Ein scheinbar peripherer Platz inmitten des Geschehens – und doch genau dort, wo die Gedankenschleife ihren Ausgang nimmt.
Warum über Peripherien sprechen, oder: über den Begriff des Peripheren – und das im Rahmen eines Musikfestivals? Am Mittwochabend des diesjährigen Positive Futures Festivals fand in der Bäckerei Kulturbackstube der „PFF-Salon“ statt, ein neues Format im Festivalprogramm. Titel der Diskussionsveranstaltung war: „Peripherien – vom Rand her ge:sehen“, organisiert in Kooperation mit dem Verein Wissenschaft und Verantwortlichkeit (WuV) und der Tiroler Straßenzeitung 20er.
Mit Thomas Köck (Autor, Dramatiker, Musiker), Brigitte Rath (Literaturwissenschafterin an der Universität Innsbruck), Jakob Häusle (Redakteur der Straßenzeitung 20er) und Renate Plieseis (Musikerin, Musikpädagogin und Mitglied des PFF-Teams) ging es u. a. um die Frage, warum die Peripherie oft der interessantere Ort ist – nicht nur geografisch, sondern auch ästhetisch, sozial und epistemisch.

An diesem Abend wurde viel angerissen: von der sozialen und kulturellen Randlage über Fragen der Sprache bis hin zu jenen unsichtbaren Zentren, die bestimmen, wer gehört wird – und wer nicht. Vieles blieb offen, vieles angedeutet. Und gerade das erzeugte ein Bedürfnis, noch einmal tiefer einzutauchen und die Frage für mich erneut zu stellen: Was heißt es, von Peripherien zu sprechen? Warum lohnt es sich überhaupt, diesen Begriff zu öffnen?
Mit meinem Hintergrund in der Komparatistik und Philosophie, wo es viel um Begriffe und deren Be(deutungen) geht, habe ich mich im Anschluss der Veranstaltung gefragt, wie sehr „Peripherie“ theoretisch aufgeladen ist. Anders als im Studium viel diskutierte Begriffe wie „Kultur“, „Mythos“ oder „Differenz“ ist sie systematisch kaum verankert, bleibt unscharf – und bietet vielleicht gerade deshalb so viel Raum für Auslegung: von Sichtbarkeit und Ausschluss, Zentrum und Randständigkeit, Freiheit der Sprache und Zensur.
In meiner Recherche zum Begriff der Peripherie bin ich schließlich bei bell hooks gelandet – als feministische Autorin und Theoretikerin auch für die Vergleichende Literaturwissenschaft relevant. Ihr Essay Choosing the Margin as a Space of Radical Openness (1989) bietet eine inhaltliche Resonanzfläche zum Festivalslogan „Radical Empathy“ wie auch zum PFF-Salon: Peripherie versteht sie nicht als Ort des Mangels, sondern als eine bewusste Position, die Perspektiven erweitert und von der aus Widerstand gedeihen kann. Ein Gedanke, der sich an diesem Abend in der Bäckerei in vielerlei Formen manifestierte – ein Essay, der sich als verbindendes und ergänzendes Element in diesen Beitrag fügt.

“I have needed to remember, as part of a self-critical process where one pauses to reconsider choices, location, tracing my journey from small-town southern Black life, from folk traditions, and church experience to cities, to the university, to neighbourhoods that are not racially segregated, to places where I see for the first time independent cinema, where I read critical theory, where I write theory. […] I had no choice. I had to struggle and resist to emerge from that context and then from other locations with mind intact, with an open heart. I had to leave that space I called home to move beyond boundaries, yet I needed to return there.”
– bell hooks, Choosing the Margin as a Space of Radical Openness, 1989
In ihrem Essay schreibt bell hooks aus der Perspektive einer Frau, die zugleich Teil und Beobachterin gesellschaftlicher Systeme ist: Als weltweit erfolgreiche afroamerikansiche Intellektuelle aus dem Süden der USA kennt sie die Erfahrung der Marginalisierung als auch die Mechanismen der Zentren. Sie beschreibt, wie wichtig es ist, beide Sphären zu verstehen: die der Marginalisierten und jene der Macht, um Räume der Veränderung zu schaffen. Der Rand wird für sie zu einem Ort des Wissens – zu einer bewussten Position der Offenheit.
Diese Spannung zwischen Entfernung und Rückkehr prägt auch das Positive Futures Festival. Es geht um Bewegungen, um Begegnungen – und zugleich um die Frage, wer sich überhaupt begegnen darf.
Der Kurzdokufilm Music Beyond Boundaries (Caroline Eiter und Wolfgang Gollmayer, 2024), gezeigt im Rahmen des Festivals im Cinematograph, führt diese Fragen weiter: Musiker*innen aus aller Welt, die am PFF aufgetreten sind, berichten darin über ihre Lebens- und Arbeitsrealitäten – über Grenzregime, Visa-Verweigerungen und strukturelle Ungleichheiten, die bestimmen, wer sich frei bewegen darf.
Die Band Nihiloxica etwa – bestehend aus europäischen und afrikanischen Musikern – erzählt, wie unterschiedlich ihre Mitglieder in Visa-Prozessen behandelt werden: “When you are coming from Africa, coming to Europe or the UK or America, they look at you in a different way. They think you’re trying to run away from your country, which is not right. Because of that, they judge you — and limit your freedom of movement.”
Die Realität, die sie beschreiben, macht deutlich: Peripherie ist nicht immer ein fixer Ort, sondern kann auch eine Erfahrung der Marginalisierung sein, die global auch in den Arbeitsbereichen von Kunst und Kultur spürbar ist. Wie Renate Plieseis aus dem PFF-Team sagt:
„Beim Booking merkt man ganz extrem, wer aus dem Westen kommt und wer nicht – wer irre Probleme hat, sich frei zu bewegen in der Welt. Das ist auch schon Peripherie – geografisch, kulturell, gesellschaftspolitisch.“
Das Festival, das sich dezidiert auf Musik aus global unterrepräsentierten Regionen fokussiert, zeigt, dass kulturelle Begegnung immer innerhalb von Machtstrukturen geschieht. Aber es zeigt auch: Wo Bewegung eingeschränkt ist, kann trotzdem Verbindung entstehen. Durch Musik werden die Grenzen durchlässig.
So endete der Abend in der Bäckerei auch mit einem Konzert der Band HUUUM – eine bewusste Entscheidung, wie Renate betont: „Das war kein Zufall. Ich wollte, dass sie an diesem Abend spielen – weil zwei ihrer Mitglieder iranische Wurzeln haben, in Wien leben und ihre folkloristische Tradition in etwas völlig Neues übersetzen. Das schien mir perfekt für den Rahmen.“ HUUUM ist ein Projekt von Omid Darvish, Rojin Sharafi und Álvaro Collao León. Ihr Sound verbindet iranische Folkgesänge mit Free Jazz, elektronischen Beats und experimenteller Improvisation. Sie transformieren kulturelle Tradition in experimentelle Kontexte – so wie bell hooks schreibt: „Spaces can tell stories and unfold histories. Spaces can be interrupted, appropriated and transformed through artistic and literary practice.“ Damit verschiebt sich der Begriff von Peripherie vom geografischen ins sozial-, politisch- und ästhetisch-Erfahrbare.

“Within complex and ever shifting realms of power relations, do we position ourselves on the side of the colonizing mentality? Or do we continue to stand in political resistance with the oppressed, ready to offer our ways of seeing and theorizing culture toward that revolutionary effort which seeks to create space for that movement — where transformation is possible? This choice is crucial. It shapes and determines our cultural practice and our capacity to envision new, alternative aesthetic acts. It informs the way we speak about these issues, and the language we choose.”
– bell hooks, Choosing the Margin as a Space of Radical Openness, 1989
Im PFF-Salon ging es um diese Durchlässigkeiten zwischen Zentrum und Rand – um Räume, die sich öffnen, wenn Disziplinen, Menschen und Sprachen einander begegnen. Christa Pertl vom Verein Wissenschaft und Verantwortlichkeit (WuV) beschrieb die Idee hinter dem Format so: „Unsere Aufgabe ist es, Wissenschaft in Gesellschaft zu bringen. Es geht darum, Räume zu schaffen, in denen man miteinander spricht – nicht frontal, sondern im Austausch.“ Deshalb das Salon-Format: Kein Podium, keine klare Trennung zwischen Publikum und Diskutierenden – Stühle in Spiralenform, ein Tisch in der Mitte, offene Türen; wer vorbeikam, konnte stehenbleiben, zuhören, sich dazusetzen. Diese Anordnung machte sichtbar, worum es ging: Dynamik und Gespräche auf Augenhöhe.
Unter den geladenen Gästen war Brigitte Rath, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Innsbruck. Sie beschrieb die Vergleichende Literaturwissenschaft als „kleines Fach“: institutionell eher an der Peripherie verortet, aber offen für Austausch und Interdisziplinarität: „Komparatist*innen sind programmatisch interdisziplinär, sie sind auch in anderen Disziplinen auf Tagungen und mit Veröffentlichungen aktiv und bringen so verschiedene geisteswissenschaftliche Fächer miteinander ins Gespräch. So betrachtet sind wir peripher, aber zugleich mitten in den Geisteswissenschaften.“ Gleichzeitig betonte sie, dass Peripherie immer auch eine Frage der Perspektive sei: „Spärlich geförderte Kulturräume, die für manche zentraler Bestandteil ihres Alltags sind, zeigen: Was als peripher gilt, hängt vom Blickwinkel ab.“
In der Diskussion wurde deutlich: Sprache selbst kann zur Peripherie werden – oder Brücken schlagen. Ich denke dabei an jene Momente, in denen Begriffe fallen, die einen Teil des Publikums ausschließen, einfach weil sie damit nicht vertraut sind. Foucaults „Heterotopie“, zum Beispiel, ist für Komparatist*innen selbstverständlich, für viele andere jedoch fremd. So entstehen Grenzen nicht nur durch Räume, sondern auch durch Worte. Ähnlich bei der Kurzlesung von Thomas Köck aus eure paläste sind leer (all we ever wanted), wo eine Referenz auf die andere folgt – um den Text zu „verstehen“, braucht es Hintergrundwissen, braucht es Erfahrung in gewissen Kontexten. Renate Plieseis hatte ihn eingeladen, „weil er sich genau an dieser Schnittstelle zwischen Hochkultur und Subkultur bewegt“. Seine Texte, reich an intertextuellen Bezügen, zeigen, dass gerade die Zwischenräume – zwischen Bekanntem und Unbekanntem – produktive Räume sein können.
[…]
während die paläste brennen
während die sich alle
gegenseitig hängenspiel the man who sold the world
geh dem text hinterher denn right nowyou’re face to face
with the man who sold the worldund dann follow me
in den letzten kreis der höllein den gehen wir zusammen
wenn schon ein letzter tanz dann hier
im letzten kreis der hölle
[…][Thomas Köck, eure paläste sind leer (all we ever wanted), Suhrkamp 2021. S.150.]

In einem anschließenden Interview sprach Brigitte Rath über literarische Zentren und Ränder im weiteren Sinn: über den Kanon, der bewusst reflektiert werden muss, um Stimmen einzubeziehen, die lange an den Rändern standen. Hier schließt sich der Kreis zu bell hooks, deren Texte heute in vielen Seminaren der Komparatistik gelesen werden. Als feministische Theoretikerin und Autorin mit afroamerikanischem Hintergrund hat sie den Kanon der sogenannten „Weltliteratur“ erweitert – und gezeigt, dass auch der Rand ein Ort des Sprechens, Schreibens und Wissens sein kann.
Auch Jakob Häusle von der Tiroler Straßenzeitung 20er kam auf einen weiteren Bezug zu sprechen: „Für mich war das Thema Peripherie von Anfang an sehr peripher. […] Wenn man Peripherie ins Zentrum setzt, ist sie ja keine Peripherie mehr. Es ist immer eine Frage der Perspektive.“ Er verwies auf Niklas Luhmanns Abschiedsvorlesung „Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“ – und zog den Vergleich: „Sobald man dahinter schaut, ist es ja nicht mehr dahinter. Und so ist es auch mit Peripherien – es gibt kein Dahinter.“
Diese Perspektive passte wiederum zu dem, was Christa Pertl betonte: Peripherie kann nicht nur geografisch gedacht werden, sondern auch als Haltung (und schließt damit an das diesjährige Schwerpunktthema „Haltung zeigen“ des WuV an): „Perspektivenwechsel ist ganz zentral – das ist Haltung. Ich muss mich in die andere Person hineinversetzen können, damit Kommunikation überhaupt stattfinden kann. Das kann ein Ort sein, aber auch ein gegenseitiges Verstehen.“
Und passend dazu sagt die polnische Künstlerin SIKSA im vorhin erwähnten Film: “Every opportunity when people meet each other is worth it… even if some come with conservative ideologies – they spend time with different people, and they think about it.”
Das ist auch die Haltung des Festivals selbst: Empathy over opinion. Zuhören als Widerstand, Begegnung als Form von Politik.


[…]
spiels für diese räume
die verfickt noch eins jetzt offen bleiben
diese räume
die keine zeit kennen keine zeit kannten
die alles können und alles kennen diese
räume die
so viel wertvoller sind
als der betrieb
in dem sie stehen spiels
für diese räume
die auch diesen betrieb überleben werden
[…][Thomas Köck, eure paläste sind leer (all we ever wanted), Suhrkamp 2021. S.153 f.]
Nicht weit entfernt von der Bäckerei liegt die Talstation – ein weiterer Kulturort am Rande der Stadt. aber der doch für viele zum Zentrum wurde. An jenem Abend stand die Talstation auch in der Diskussion: Das historische Gebäude, das zuletzt vom Kulturverein Junge Talstation bespielt wurde, droht endgültig geräumt zu werden – ein Symbol dafür, wie fragil kulturelle Räume sein können, wenn sie außerhalb der institutionellen Zentren liegen. Mittlerweile scheint sich durch großes Engagement der Szene eine Wendung abzuzeichnen, es soll ein Sanierungskonzept erarbeitet werden, was Hoffnung auf eine Wiederbelebung des Ortes gibt. Doch bleibt die Frage, wie viel Raum für solche Zwischenzonen zukünftig bleibt – für Orte, die nicht in die Logiken der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie und des Mainstreams passen.
Solche Räume sind mehr als nur physische Orte. Sie sind Möglichkeitsräume. Wie auch das Positive Futures Festival selbst. Festivalleiter Martin Bleicher formulierte es im Film Music Beyond Boundaries so: „Wir wollen mit der Repräsentation verschiedener Kulturen den Menschen einen Einblick geben, wie schön eigentlich globale Vielfalt sein kann – und vielleicht begegnet der ein oder andere dann Menschen, die hierherkommen, auf eine andere Art und Weise. Das wär schön.“
Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Festival – und durch den Abend in der Bäckerei: Begegnung nicht als Selbstzweck, sondern als Versuch, neue Sichtweisen zu öffnen.
Denn wie bell hooks schreibt, ist der Rand kein Ort des Mangels, sondern der radikalen Offenheit – ein Raum, der unbequem, riskant und zugleich notwendig ist, um neue Perspektiven zu denken: “Though incomplete I was working in the margin as much more than a site of deprivation, that it is also the site of radical possibility – a space of resistance. […] The possibility of radical perspective from which to see and create, to imagine alternatives, new worlds.”
Vielleicht liegt genau darin der Wert, über Peripherien zu sprechen: nicht, um Ränder zu markieren, sondern um sie zu verschieben; nicht, um Zentren zu bestätigen, sondern um zu fragen, was entstehen kann, wenn man den Blick darauf verändert.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 9.11.2025 im komplex Kulturmagazin. Wir bedanken uns bei Brigitte Egger, die uns ihren Text für unsere "Themen" aus aktuellem Anlass zur Verfügung gestellt hat! Zum Thema Kulturräume sind zuletzt weitere Beiträge erschienen (Links in der Seitenleiste).
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